Gyokuro in Japan: Ein Tee für besondere Momente
Wenn Menschen außerhalb Japans an hochwertigen japanischen Tee denken, fällt vielen zuerst Matcha ein. In Japan selbst nimmt jedoch ein anderer Tee seit Langem eine besondere Stellung in der Welt hochwertiger Tees ein: Gyokuro.
Dabei ist Gyokuro keineswegs ein Tee, den die meisten Menschen in Japan täglich trinken. Seine Bedeutung liegt vielmehr gerade darin, dass er etwas Besonderes ist.
Welche Bedeutung hat Gyokuro für Japaner?
Im japanischen Alltag werden traditionell vor allem Sencha, Bancha, Hojicha oder Genmaicha getrunken.
Gyokuro ist anders. Sein Anbau und seine Herstellung sind aufwendig, er ist vergleichsweise kostspielig und auch seine Zubereitung unterscheidet sich von einer alltäglichen Tasse Sencha.
Anstatt eine größere Menge aufzubrühen und den Tee beispielsweise zum Essen zu trinken, wird hochwertiger Gyokuro meist in kleinen Mengen sorgfältig zubereitet und langsam genossen. Niedrige Wassertemperaturen bringen seine charakteristische Süße, sein Aroma und sein intensives Umami besonders deutlich hervor.
Die Portionen können dabei überraschend klein sein. Bei besonders hochwertigem Gyokuro geht es weniger darum, den Durst zu stillen. Vielmehr schafft seine Zubereitung einen Moment, in dem der Tee selbst im Mittelpunkt steht.
Deshalb begegnet man Gyokuro eher zu besonderen Gelegenheiten: wenn wichtige Gäste bewirtet werden, wenn man sich bewusst Zeit für einen außergewöhnlichen Tee nimmt, in spezialisierten japanischen Teegeschäften oder bei Teezusammenkünften – und nicht zuletzt als hochwertiges Geschenk.
Warum wird Gyokuro in Japan verschenkt?
Gerade hier zeigt sich eine interessante Verbindung zwischen Gyokuro und der japanischen Alltagskultur.
Weil Gyokuro kein alltäglicher Einkauf ist, eignet er sich besonders gut als Geschenk: etwas Hochwertiges, das man sich selbst vielleicht nicht regelmäßig kaufen würde.
In Japan gibt es eine ausgeprägte Kultur des Schenkens zu bestimmten Jahreszeiten und Anlässen. Dazu gehören etwa Ochūgen im Sommer, Oseibo zum Jahresende, Geschenke zu Feierlichkeiten oder Temiyage – kleine Gastgeschenke, die man bei einem Besuch mitbringt.
Hochwertiger japanischer Tee gehört seit Langem zu dieser Kultur. Teefachgeschäfte und Kaufhäuser bieten traditionell beispielsweise Geschenksets an, in denen Gyokuro mit hochwertigem Sencha kombiniert wird.
Die Stellung von Gyokuro im japanischen Leben lässt sich daher vielleicht am besten so beschreiben:
Gyokuro ist nicht deshalb in der japanischen Kultur verwurzelt, weil er täglich getrunken wird. Er ist vielmehr als Tee für besondere Menschen, besondere Anlässe und besondere Momente darin verankert.
Warum Gyokuro und nicht Matcha?
Gerade für europäische Teetrinker ist dieser Unterschied interessant.
Heute wird hochwertiger japanischer Tee außerhalb Japans häufig beinahe automatisch mit Matcha gleichgesetzt. Historisch haben Matcha und Gyokuro in der japanischen Teekultur jedoch unterschiedliche Rollen.
Matcha ist traditionell eng mit dem japanischen Teeweg, dem Chanoyu, verbunden.
Das pulverisierte Teeblatt wird direkt in eine Teeschale gegeben, mit heißem Wasser aufgegossen und mit einem Bambusbesen, dem Chasen, aufgeschlagen.
Für die traditionelle Zubereitung von hochwertigem Matcha benötigt man daher bestimmte Utensilien und zumindest grundlegende Kenntnisse der Zubereitung. Wer hochwertigen Matcha geschenkt bekommt, weiß deshalb nicht zwangsläufig, wie er ihn zu Hause traditionell zubereiten soll.
Gyokuro dagegen ist trotz seines hohen Stellenwerts Teil der größeren japanischen Blattteekultur.
Wie bei Sencha werden die Teeblätter mit Wasser aufgegossen und anschließend vom Aufguss getrennt, häufig mithilfe einer Kyusu oder einer anderen kleinen japanischen Teekanne. Hochwertiger Gyokuro hat zwar seine eigene charakteristische Zubereitung – insbesondere mit niedrigen Wassertemperaturen und kleinen, konzentrierten Portionen –, doch das grundlegende Prinzip des Aufgießens von Blatttee ist in japanischen Haushalten vertraut.
Vereinfacht lässt sich der Unterschied so beschreiben:
Matcha ist ein hochwertiger Tee, der historisch eng mit dem japanischen Teeweg verbunden ist.
Gyokuro gehört zur höchsten Klasse japanischer Blatttees und kann zugleich zu Hause genossen werden.
Dieser Unterschied erklärt mit, weshalb Gyokuro und hochwertiger Sencha in der traditionellen japanischen Geschenkkultur einen so natürlichen Platz gefunden haben.
Matcha heute: eine andere Geschichte
Die heutige Matcha-Kultur hat sich allerdings stark verändert.
Matcha ist längst nicht mehr auf den Teeraum beschränkt. Matcha Latte, Süßigkeiten, Eiscreme, Desserts und zahlreiche weitere Produkte haben seine Verwendung erheblich erweitert. Auch in Japan werden Matcha-Produkte heute selbstverständlich verschenkt.
International ist diese Entwicklung noch deutlicher. Für viele Menschen ist Matcha inzwischen sogar die erste Assoziation mit japanischem Tee überhaupt.
Deshalb sollte man zwischen zwei Dingen unterscheiden: der heutigen Popularität und Vielseitigkeit von Matcha-Produkten und der traditionellen kulturellen Stellung hochwertiger japanischer Tees.
Betrachtet man speziell die japanische Tradition, hochwertigen Tee zu verschenken, haben Gyokuro und hochwertiger Sencha darin seit Langem einen wichtigen Platz.
Handgepflückter Hon-Gyokuro: eine noch seltenere Welt
Innerhalb der Welt des Gyokuro gibt es weitere Abstufungen der Seltenheit.
Handgepflückter Hon-Gyokuro, wie ihn Kanoa Tea auswählt, gehört zu einer besonders spezialisierten Welt. Es wäre daher falsch anzunehmen, dass jeder Japaner regelmäßig einen solchen Tee trinkt. Viele Menschen in Japan haben möglicherweise nur selten oder noch nie traditionell hergestellten, handgepflückten Gyokuro probiert.
Geht man noch tiefer, lässt sich Gyokuro nach einzelnen Kultivaren entdecken.
Gokō, Okumidori, Saemidori und Seimei können beispielsweise sehr unterschiedliche Ausprägungen von Aroma, Süße und Umami zeigen. Gyokuro bewusst nach Kultivar auszuwählen, gehört bereits zu einer wesentlich differenzierteren Art, japanischen Tee zu genießen.
In gewisser Weise lässt sich dies mit Wein vergleichen.
Zu wissen, dass ein Tee „Gyokuro“ ist, ist nur der Anfang. Herkunft, Kultivar, Anbaumethode, Ernte, Verarbeitung und schließlich die Zubereitung können entscheidend beeinflussen, was man in der Tasse erlebt.
Statt zu sagen:
„Japaner trinken jeden Tag Gyokuro.“
trifft daher folgende Beschreibung die Realität wesentlich besser:
Japan besitzt mit Gyokuro eine besondere Kategorie von Tee. Er ist kein alltägliches Getränk – doch wer tiefer in seine Welt eintaucht, entdeckt eine außergewöhnliche Vielfalt, geprägt von Herkunft, Kultivar, Anbau, Ernte, handwerklicher Verarbeitung und Zubereitung.
Vielleicht liegt genau darin die Faszination von Gyokuro: Seine Bedeutung in der japanischen Kultur wird nicht dadurch bestimmt, wie häufig er getrunken wird, sondern welchen Stellenwert er besitzt.